Nicht-Ordonnanzwaffen auf Schweizer Schiessständen


Es ist ein ewiges Streitthema: Darf man mit anderen Waffen und/oder Kalibern als der Schweizer Ordonnanz, bzw. GP11/GP90 auf einem Schweizer Schiessstand schiessen?
Die eine Hälfte der Gefragten sagt ja, die andere nein, die dritte Hälfte sagt kommt drauf an.

Mit Aussagen wie “bei uns läufts so”, “ich hab gehört dass” und “unser Schützenmeister ist der Meinung dass” ist aber niemandem geholfen. Dutzende Foreneinträge füllen Seiten mit Aussagen, denen eine schwarz-auf-weiss-Grundlage fehlt. Halbwissen und -wahrheiten führen zu Gerüchten und irgendwann gehts mal jemandem an den Kragen, weil er blind vertraute.

Ich habe mich deshalb in den Strudel der Bürokratie gestürzt und sämtliche relevaten Verordnungen, Regelungen und Dokumente nach einer definitiven Antwort durchforstet.


Der Einfachheit halber wird im Artikel nur auf das 300m-Schiessen eingegangen, für 25/50m gelten aber die selben Regelungen.

Soviel vorweg: Ja, man darf mit Nicht-Ordonnanzwaffen und -kalibern auf Schweizer Schiesständen schiessen, aber!


Doch der Reihe nach. Am Brei des Schweizer Schiesswesens kochen folgende Köche herum:

  • der Schweizer Schiesssportverband SSV
    • der internationale Schiesssportverband ISSF (International Sports Shooting Federation)
    • die kantonalen Schützenverbände
  • das Bundesamt für Verteidugung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS
    • die Organisationseinheit Schiesswesen und Ausserdienstliche Tätigkeiten des Heeres SAT
  • die Schiesssportversicherungsgenossenschaft USS
  • der Staat

Die Rolle des SSV

Aus den Statuten stand 2016:

Art. 2 Zweck

  1. Der SSV ist die Dachorganisation alles Schützen in der Schweiz.
  2. Er vertritt die Interessen des Schiesswesens in der Schweiz sowie im Ausland und bezweckt:
    1. die Behandlung der Fragen, die das Schiesswesen betreffen;
    2. die Überwachung er Entwicklung im Schiesswesen und der Gesetzgebung;
    3. die fortlaufende Verbesserung, Frderung und Verbreitung des Schiesssports im Verbandgebiet auf allen Stufen und in allen Disziplinen;
    4. die Förderung des Breiten- und Spitzensports, der Nachwuchsförderung sowie des ausserdienstlichen Schiessens;
    5. die Aus- und Weiterbildung von Funktionären, Trainer und Richter;
    6. die Organisation und Durchführung von nationalen und internationalen Wett- und Titelkämpfen in allen Disziplinen;
    7. die Regelung und Koordination des Schiessens im Verbandsgebiet für alle Disziplinen sowie die Durchsetzung der entschprechenden Regelwerke innerhalb des SSV;
    8. die verbandsinterne Anwendung der Regelwerke und Beschlüsse der internationalen und nationalen Verbände (ISSF, ESC und Swiss Olympic Association) und Organisationen, mit denen der SSV verbunden ist;
    9. die Öffentlichkeitsarbeit für das Schiesswesen und den -sport;
    10. die Pflege seines Kulturguts, seiner Tradition und deren Erhaltung;
  3. Er steht für eine freiheitlich-demokratische und föderalistische Schweiz ein und setzt sich für die Landesverteididung ein.
  4. Er erstellt zur Zweckerreichung Programme , Konzepte und Projekte, setzt diese zielgerichtet mit den für ihn geeigneten Massnahmen wie Verträgen, Reglementen und Beschlüssen um.
  5. Er organisiert Veranstaltungen.
  6. Er verfolgt keinen wirtschaftlichen Zweck. Erwirtschaftete Mittel werden im Sinne des Vereinszwecs genutzt.
Das Hauptdokument des SSV und somit dem sportlichen Schiesswesen der Schweiz bilden die RSpS, die Regeln für das sportliche Schiessen. Diese unterstehen und setzen sich zusammen aus:
  • den Teilreglementen:
    • Technische Regeln für alle Schiesssportdisziplinen (TRSP) 1.10.4021 d
    • Technische Regeln Gewehr (TRG) 1.10.4022 d
    • Technische Regeln Pistole (TRP) 1.10.4023 d
    • Regeln für Wettkämpfe (RW) 1.10.4024 d
    • Regeln für Teilnehmer (RT) 1.10.4025 d
    • Regeln für die Infrastruktur (RI) 1.10.4026 d
    • Regeln der finanziellen Leistungen (RFL) 1.10.4027 d
    • Technische Regeln Gewehr Auflageschiessen (TRGA) 1.10.4028 d
    • Technische Regeln Pistole Auflageschiessen (TRPA) 1.10.4029 d
    • Regeln für Teilnehmer Auflageschiessen (RTA) 1.10.4030 d
  • den Statuten des Schweizer Schiesssportverbandes (SSV)
  • den Statuten, Regeln und Bestimmungen des internationalen Schiesssportverbandes (ISSF)
  • dem Doping-Statut von Swiss Olympic Association und Stiftung Anti-Doping Schweiz
  • der Verordnung des Bundesrates über das Schiesswesen ausser Dienst (SR 512.31), die Schiessverordnung VBS (SR 512.311), die Schiessanlagenverordnung (SR 510.512), die Technischen Belange der Schiessanlagen für das Schiesswesen ausser Dienst (SR 51.065) sowie das Verzeichnis der bewilligten Hilfsmittel zu Ordonnanzwaffen und zu den Bundesübungen zugelassenen Waffen (Form. 27.132)
  • dem Disziplinar- und Rekursreglement des SSV
  • den Statuten und Allgemeinen Versicherungsbedingungen der USS
Wo die RSpS nicht greifen, sind die ISSF-Regeln anzuwenden.
Insbesondere das Reglement 1.10.4024 Regeln für Wettkämpfe (RW) ist hier zu erwähnen. Denn dieses regelt, welche Wettkampfarten beim SSV bewilligungspflichtig sind. Auszug:
  1. Vereinsinterne Schiessanlässe
    sind Wettkämpfe, an denen nur Mitglieder und Gäste des organisierenden
    Vereins teilnehmen. Bewilligungsinstanz ist der Verein. Der Verein erlässt die
    entsprechenden Reglemente und AFB.
Dies bedeutet, will ein Verein einen internen Wettkampf durchführen, ist er nicht gezwungen, die RSpS einzuhalten.


Die Rolle des VBS

Das VBS, genauer dessen Abteilung SAT regelt den militärischen Teil des Schweizer Schiesswesens, namentlich die Bundesübung (Obligatorisches Schiessen) und das Feldschiessen inklusive der Trainings, sowie die Nutzung ziviler Schiessstände durch das Militär (Ausbildung, Wettschiessen).
Wie alles bei der Armee gibt es Reglemente, Vorschriften und Verordnungen, die alles genau regeln. Sie beziehen sich aber nur auf den militärischen Teil – das zivile Schiesswesen ist schlicht nicht Sache des VBS, sondern des SSV. Auch wenn gewisse Überschneidungen bestehen.

Jedoch gibt es einen speziellen Abschnitt im Reglement 51.065 d Weisungen für Schiessanlagen. Im dortigen Kapitel Blenden wird auf ebenjene Blenden, die einen Schuss abfangen sollen, welcher nicht auf den Zielhang gerichtet ist, eingegangen. Ein besonderer Punkt findet dort Erwähnung:

6. In Anlagen, welche über eine Hochblende zur Abdeckung der Gefahrenzone 5 verfügen, darf ohne Bewilligung des Eidgenössischen Schiessanlagenexperten keine andere als Ordonnanzmunition verschossen werden.

Liegt demnach keine besondere Bewilligung vor, so darf auf einem mit Hochblende ausgestattetem Stand nur Ordonnanzmunition, also GP11 und GP90, verschossen werden.

Ansonsten gibt es in den Dokumenten des VBS keine Hinweise zur Thematik.

Die Frage kam auch noch auf, was denn mit Ordonnanzmunition abgesehen von GP90 und GP11 ist, benutzen doch die Scharfschützen ein Sako TRG mit .338 Lapua Magnum Munition, in der Armee als GW Pat 04 geführt..
Die einzige Quelle, die auch nur halbwegs davon redet, was genau als Ordonnanzmunition angesehen wird, ist der Eidgenössische Munitionsbefehl. Dort wird die Munition folgendermassen definiert:

2.1 Unter den Begriff Munition fallen:

  1. alle für die Armee bestimmten Pulver, Sprengstoffe, pyrotechnische
    oder chemische Substanzen enthaltende Mittel der
    Sport- und Spezial- (Kennziffer 590), Kampf- (Kennziffer 591),
    Übungs- (Kennziffer 592), Hilfs- (Kennziffer 593) und Markiermunition
    (Kennziffer 594) einschliesslich deren Einzelteile;
  2. b) Manipuliermunition (Kennziffer 595) und Munitionszubehör
    (Kennziffer 599).

Die GW Pat 04 hat die Kennziffer 591-1235.
Die RSpS und das ISSF erlauben auf 300m Grosskaliber nur bis 8mm, was die .338 übertrifft. Auch sind bei Schalltunneln gemäss den 51.065 d Weisungen für Schiessanlagen nur Kaliber bis 7.5mm zugelassen.

Im Zweifelsfall ist am Besten ein nicht so engstirniger Schiessoffizier zu Rate zu ziehen.


Die Rolle der USS

Die USS ist eine Versicherungsgenossenschaft, die speziell den Schiesssport abdeckt. Aus den Statuten:

Art. 3 Zweck

  1. Die USS bezweckt die Versicherung beim Schiessen, dessen Organisation
    und Durchführung, namentlich:

    1. die Versicherung gegen die Folgen von Unfällen, Sachschäden und
      Haftpflichtansprüchen Dritter;
    2. den Abschluss von Spezialversicherungen zur Deckung besonderer
      Risiken;
    3. andere Versicherungen auf Verlangen zu vermitteln;
    4. den Erlass, die Empfehlung und die Durchführung geeigneter
      Schadenverhütungsmassnahmen.
  2. Die USS kann in diesem Rahmen im Fall der Aufnahme zusätzlicher Verbände
    und Vereine weitere sportliche oder kulturelle Tätigkeiten versichern.
    Vorbehalten bleibt die Zustimmung durch die Delegiertenversammlung
    gemäss Art. 6 Ziff. 2 und Art. 9 Ziff. 9/f.
Nimmt man also an einem durch die USS gedeckten Schiessanlass teil oder ist Mitglied eines anerkannten Schützenvereines, ist man automatisch über sie versichert. Im Gegensatz dazu muss bei Besuch eines Schiesskellers eine Privathaftpflicht mit Deckung von Schiessunfällen in einer gewissen Höhe vorliegen.
Ein Argument gegen das Schiessen von anderen Waffen und Kalibern als Ordonnanz kann die mangelnde Versicherung durch die USS geltend gemacht werden. Es gibt zwar eine Spezialverscherung:

SPEZIALVERSICHERUNGEN

Die USS bietet Spezialversicherungen an, für Fälle, welche nicht durch die Basisversicherung gedeckt sind. Es handelt sich dabei um folgende Aktivitäten:
EINZELVERSICHERUNGEN
[…]
  • Schiessen mit stärker geladener Munition, als Ordonnanz-, Kleinkaliber- (22lr) und Sportmunition
[…]
Diese Spezialversicherung ist aber zusätzlich zu der Basisversicherung abzuschliessen. Ist diese Spezialversicherung nicht vorhanden, so besteht auch kein Versicherungsschutz durch stärkere Munition als Ordonnanz bzw. ISSF.


Die Rolle des Staates

Der Staat hat den Auftrag, Infrastruktur für den Erhalt der Schiessfähigkeit der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Im Grunde muss er dafür sorgen, dass genügend Möglichkeiten vorhanden sind, das Bundesprogramm und das Feldschiessen zu absolvieren. Dies ist auch der Grund, weshalb beinahe jede Hundsverlochete einen eigenen Schiessstand hat. Ist ein Dorf oder eine Stadt nicht mehr in der Lage, den Schiessstand zu unterhalten, muss adäquater Ersatz in der Nähe befindlich sein.

Der Staat hat somit keinen direkten Einfluss darauf, was auf den Schiessständen geschieht. Dies ist ebenfalls in den Dokumenten des SAT geregelt.


Fazit

Viele Faktoren spielen eine Rolle, ob man denn nun mit etwas anderem als Ordonnanzwaffen oder -kalibern auf den Schiessständen schiessen darf.
Erstens müssen die baulichen Gegebenheiten stimmen, eventuell müssen Bewilligungen eingeholt werden und spezielle Versicherungen abgeschlossen sein.
Und eigentlich dürfte, wenn eine Hochblende vorhanden ist, auch keine NATO-Munition, also .223 und .308, verschossen werden, da diese keine Ordonnanzmunition sind.

Sind also alle Stolpersteine beseitigt und hat man Glück mit den baulichen Gegebenheiten, so steht dem AR15, der AK47 und dem M82 nichts im Wege. Wobei, bei letzterem sollte man doch Vernunft walten lassen. Auch eine originale AK47 in 7.62×39 ist wohl keine so ideale Wahl. Aber das ist ein anderes Thema.

Eine entsprechende Bewilligung zu bekommen ist übrigens machbar und nicht unerreichbar, wie der Waffentragschein (den in der Theorie jeder beantragen kann, aber praktisch niemand bekommt).

Will man hingegen mit umgebauten Sturmgewehren oder Karabiner in Schaftsystemen schiessen, so ist dies im Rahmen der freiwilligen Übungen kein Problem. Auch Zielfernrohre und Rotpunktvisiere dürfen ausprobiert werden. Man darf nur nicht an SSV-Wettkämpfen daran teilnehmen. Wohl aber kann der Verein interne Wettschiessen organisieren, die solche Waffen zulassen.
Ebenfalls sind die Varianten des Stgw90, welche GP90 verschiessen können oder Gewehre, die GP11 benutzen (wenn eben das mit der Hochblende ins Spiel kommt) erlaubt.

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Quelle Beitragsbild: https://imgur.com/UPkbI9a
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