Industrie-Know-how in der Schweiz – wohin?


Eckdaten

Titel
Industrie-Know-how in der Schweiz – wohin? Am Beispiel der Handfeuerwaffen
Autor
Friedrich A. Rufer
Erscheinungsjahr
2014
Auflagen
1
Herausgeber
Kuhn-Druck AG Schaffhausen
ISBN
978-3-906660-20-2
Seiten
208
Gewicht
?
Abmessungen (HxBxT)
ca 22×15.5x2cm

Vorwort

Hier haben wir mal kein Buch das Waffen vorstellt, sondern die Industrie und die Köpfe dahinter. Der eigenwillige Titel tönt es an – es geht nicht spezifisch um einen Industriebetrieb, sondern allgemein um das hart erarbeitete Know-how der Schweizer Waffenindustrie und wohin dieses verflossen ist. Wir alle wissen ja, die SIG, wie sie einst war, gibts nicht mehr und die Waffenfabrik Bern wurde von der RUAG assimiliert, welche aber keine Hand- und FAustfeuerwaffen herstellt. Es geht nicht um die talentierten Schweizer Büchsenmacher oder KMUs, sondern um die industrielle Fertigung von Schusswaffen in der Schweiz.

Obwohl allgemein, dreht sich natürlich vieles im Buch um die SIG, aber auch um die Waffenfabrik Bern. Es ist eine Chronik der Schweizer Waffenindustrie, vom Anfang der Eidgenossenschaft bis ins neue Millennium. Interessanterweise wird jedoch die B&T AG nicht erwähnt.

Von Aussen

Inhalt

Vorwort

Zu Beginn wird umrissen, wie das Fachwissen der Waffenherstellung in der Schweiz verteilt ist, und es wird der Umstand moniert, dass seit dem Verkauf der Waffensparte der SIG und der Vereinnahmung der W+F durch die RUAG, jenes Fachwissen verschwunden ist.


Die Anfange im 19. Jahrhundert

  • Der Wert des Fachwissens
  • Die Anfänge – Visionäre und Meister
  • Technik zu Beginn und frühe Entwicklung
  • Ära Vetterli
  • Dir. Rudolf Schmidt und die Eidgenössische Waffenfabrik
  • Vetterli und die Eidg. Waffenfabrik
  • Das Umfeld nach 1870
  • Dir. Rudolf Schmidt, die Eidg. Waffenfabrik und die SIG
  • Das Gewehrmodell 1889

Es wird beschrieben, welchen Stellenwert Fachwissen hat, wie es zustande kommt. Die Evolution der Technik, vom Vorderlader über den Hinterlader bis zur Geschossform und die Laufherstellung wird ebenso erläutert wie die Rolle Friedrich Vetterlis in der SIG und Rudolf Schmidt als Chef Waffenkontrolle. Die Beziehung der beiden zueinander, inklusiver Bestechnungsversuche, finden auch Erwähnung.


Das 20. Jahrhundert

  • Das Jahrhundert der Weltkriege
  • Die Rahmenbedingungen
  • Bis nach dem Ersten Weltkrieg
  • Protokolle in Handschrift
  • Oscar Frey, der Jubilar
  • Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit
  • Die Meister bekommen Namen
  • 100 Jahre Eidg. Waffenfabrik
  • Der politische Aspekt
  • Der Meister nimmt Stellung
  • Das Dream-Team
  • Die Waffensammlung

Die Weltkriege, aber vor Allem die Zeit dazwischen, waren massgebend für die Schweizer Waffenindustrie. Die Beschaffungszyklen der Armee tun ihr übriges, dass die heimische Industrie sich mit Exporten über Wasser zu halten versucht.
Besonders der politische Aspekt ist interessant, zeigt er doch die Rivalität der W+F und der SIG auf, aber besonders auch die Nähe der W+F zu Bundesbern und wie dies die SIG, teils zu recht, als unfairen Vorteil empfindet.
Es folgen einige Anekdoten zur Entwicklung und zu den Tests der Sturmgewehre und der Waffensammlung der SIG, die heute noch existiert.


Die neue Waffe, das Sturmgewehr

  • Das Sturmgewehr Stgw 57, Bezeichnung und Beschreibung
  • Sturmgewehre jener Zeit
  • Nachkriegszeit und Handfeuerwaffen
  • Die Auftragserteilung fur das Sturmgewehr 57
  • Auftragsabwicklung, Auslieferung, Erprobung im Feld
  • Nachfolgemodelle des Stgw 57
  • Die Eidg. Waffenkontrolle, Bernhard Zumstein
  • Strategien, Unsicherheiten, Irrwege und Kurshalten
  • Das Sturmgewehr 90, Bezeichnung und Beschreibung
  • Wie kam es zum Stgw 90?
  • Die Auftragsabwicklung
  • Herannahendes Ende einer Ära?

Waren die vorhergehenden Kapitel noch Chronik, so beschäftigt sich dieses nun mit den berühmten SIG-Sturmgewehren Modell 57 und 90. Von der Hau-Ruck-Beschaffung, der Inspiration von Hugo Schmeisser und Michail Kalaschnikow, Anekdoten der Feldversuche bis zur groben Verkalkulierung der W+F (sie setzten auf ein Gewehr mit einer Mittelpatrone, die SIG jedoch auf die bewährte GP11, was den Ausschlag für den Zuschlag gab) wird die Zeitspanne des kalten Krieges beleuchtet. Dass die W+F hier nicht erfolgreich war, ist ein erstes Indiz für den Verlust des Know-Hows.
Dies wiederspiegelt sich auch in der Entwicklung des Sturmgewehr 90. Die W+F, inspiriert von Heckler & Koch und deren Versuche mit hülsenloser Munition (Das G11), verrante sich, wollte zuviel, scheiterte. Die SIG blieb wieder erfolgreich, nicht zuletzt, weil sie dem ausserdienstlichen Schiesswesen Rechnung trug.

Das Buch hat Jahrgang 2014, es wäre an der Zeit für ein neues Sturmgewehr für die Armee, doch ist keine SIG, keine W+F, und keine Waffenfabrik mit dem Know-How für die industrielle Herstellung von Waffen mehr vorhanden (gemäss Buch). Was nun?


Faustfeuerwaffen

  • Die Anfange im 19. Jahrhundert
  • Die Parabellum
  • Das stille Ringen um die Vormacht
  • Die Beschaffung der P 49
  • Emil Busenhart und Max Müller
  • Neue Führung der Konstruktion in der S1G und technische Fortschritte
  • Die Wende im Anforderungsprofil
  • SIG P 220 – in der ersten Startreihe
  • Neue Stufe der Meisterschaft
  • Die Schwerpunktverlagerung
  • Gespräch zum Ausklang

Auch die berühmten Revolver und Pistolen werden abgehandelt. Der Exportmarkt war für die Faustfeuerwaffen grösser, die Exporte mehr, und die Tricksereien der SIG, die Hürden der Gesetze zu umgehen, sind spannend erzählt. So lernt man dann auch, dass sie SIG USA, jetztiges Hauptquartier der SIG Sauer, nur wegen des Dollarkurses eröffnet wurde. Ein Gespräch zwischen Zumstein und Edi Brodbeck lässt den Hauptteil des Buches ausklingen.


Know-how, Moral und eine Epoche

  • Das Know-how
  • Ethik und Moral
  • Eine Epoche
  • Begegnungen

In einem fast romantischen Essay wird nochmals resümiert, was Know-How genau bedeutet und wie es im Speziellen auf die Schweizer Waffenindustrie anwendbar ist.
Ethik und Moral lässt sich in einem Satz dieses Unterkapitels zusammenfassen: „Aber es gibt Waffen, und sie »aus der Welt schaffen zu können«, ist Illusion. Tatsächlich passt der ganze Text in die heutige Zeit, vor Allem im Hinblick auf das Referendum gegen das EU-Waffenrecht.
Die Epoche, von der hier gesprochen wird, ist jene von 1860 bis um 2000, und man will eher versuchen, eine Berechtigung für das Wort „Epoche“ für diese relativ kurze Zeitspanne zu suchen.
Begegnungen? Nur eine. Ein Name. Ein Ort. Mikhail Kalashnikov, Neuhausen.

Eindrücke

Die Fotos wurden so angepasst, dass vor Allem der Text lesbar bleibt. Dennoch habe ich die Seiten mit Bildern herausgesucht, damit es wenigstens ein Bisschen etwas fürs Auge gibt.

Preis und Verfügbarkeit

Das Buch wird von der Kuhn-Druck AG Schaffhausen hergestellt und auch vertrieben. Kuhn-Druck gibt an, dass das Buch auch im Bücher Schoch in Schaffhausen erhältlich ist; Dies war aber vor der Übernahme von Bücher Schoch durch das Buchhaus Lüthi. Ob das Buch dort noch erhältlich ist, weiss ich nicht. Kosten tut es immernoch 28CHF und bestellen kann man es, in dem man den Damen und Herren der Kuhn-Druck AG eine Mail schreibt. Abholung und Versand sind möglich, beim Versand fallen noch zusätzliche Kosten an. Ich wohne zwar im Kanton Schaffhausen, aber unregelmässige Arbeitszeiten und das Gefühl, das Buch schnellstmöglich haben zu müssen, vereitelten ein Abholen.
Wer das SIG-Museum besucht, kann das Buch auch dort erwerben.

Persönliches Fazit

Eine interessante Reise durch die Geschichte der Waffenindustrie der Schweiz, voll mit Wissen, mit Anekdoten und Geschichten. In schwungvoller Sprache verfasst, was allerdings zuweilen etwas überbordend wirkt. Trotzdem, ich habe das Buch in einem Zug durchgelesen, es ist also kein staubtrockenes Zwiebackbuch. Was mit persönlich gefällt: Die Schrift fällt angenehm gross aus. Nicht, dass ich Probleme mit der Durchschnittschriftgrösse in Büchern habe, aber es ist wesentlich angenehmer zu lesen.

Alles in Allem sehr empfehlenswert, man erfährt viel über die Verbandelung der SIG und W+F, über die Waffengeschichte der Schweiz allgemein und über die Persönlichkeiten hinter dem Metall (bzw. dem Holz). Wer aber Bilder mag (ein paar sind vorhanden, aber nicht viel) oder mehr über die einzelnen Waffen bescheid wissen will, dem sei andere Fachliteratur ans Herz gelegt.

SubterranGähnNaja...Nicht schlecht!Mouche! (Bis jetzt keine Bewertungen)
Loading...

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.